{{postCount}} Showtime im Nordatlantik

Showtime im Nordatlantik

Wo Wasserfälle donnern, Vulkane Feuer speien und watteweicher Nebel still über menschenleere Landschaften zieht, dort ist Island, die Insel der tausend Naturspektakel. Wetten, dass Sie sich nicht sattsehen können?

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Wandern im Schwefeldampf: Das Kerlingarfjöll-Gebirge

Manchmal kommt der Nebel ganz plötzlich, von einem Meter auf den anderen, dann verbünden sich die tief hängenden Wolken mit der Gischt und dem Wind, und ganz Island verschwindet in einer Art undurchsichtiger Watte. Natürlich muss die Straße genau jetzt einen Schlenker machen. Kilometerlang ging es schnurstracks geradeaus, doch plötzlich dreht die Straße ab nach rechts, um einem Felsen auszuweichen. Und unmittelbar hinter dem Felsen geht’s wieder nach links. Dann ist der Nebel weg und Island wieder da. Als sei nichts gewesen. Als hätten wir das gerade nur geträumt. Erst beim Tanken kurz darauf erfahren wir: Der Felsen war ein Elfenstein, in dem angeblich kleine Zauberwesen wohnen. Deswegen durfte er beim Bau der Straße nicht bewegt werden. Und darum machte die Straße plötzlich diesen Schlenker.

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Ist schön und macht schön: Das Thermalwasser in der Blauen Lagune, Islands größtem Geothermie-Spa, pflegt die Haut

Ein land, das uns ganz klein werden lässt

Willkommen auf einer Insel, auf der man den Verlauf einer Straße ändert, um keine Elfen zu erschrecken. Auf einer Insel, auf der sich die Menschen in heißen Quellen alte Sagen unterm Sternenhimmel erzählen und in den Hotelbars avantgardistische Sphärenmusik läuft. Vor allem aber willkommen auf einer Insel, die uns vom ersten Urlaubstag an derart überhäuft mit „Mach doch mal schnell ein Foto davon“-Landschaften, dass wir all diese gewaltige Schönheit gar nicht wirklich verarbeiten können: die donnernden Wasserfälle und die reißenden Flüsse. Die senkrecht abfallenden Klippen und die stillen Fjorde. Die kalbenden Gletscher und die fauchenden Geysire und Feuer speienden Vulkane. Willkommen in einem Land, das den Menschen klein werden lässt. Klein und ehrfürchtig. Es muss ganz deutlich gesagt werden: In Europa gibt es keine Region, die es an Naturspektakeln mit diesem kleinen Stück Land da oben im Atlantik aufnehmen könnte. Man muss an einem ganz normalen Morgen nur ein paar Kilometer hinausfahren aus der Hutzelputzel-Hauptstadt Reykjavík, um das Gefühl zu haben, noch nie in einer solchen Landschaft gestanden zu haben: Aus Wohnhäusern werden Bauernhöfe werden Scheunen wird Menschenleere, aus breiten Straßen werden kurvige Wege werden geschotterte Pisten.

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Inselfauna: Die Papageientaucher sind an Islands Küsten zu Hause

Wir schauen und schauen – unsere Reise wollen wir mit genau diesen Panoramen
verbringen

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Bilder, die man nicht vergisst: Polarlicht über der Dyrhólaey-Halbinsel

Wenn wir dann aussteigen aus unserem Mietwagen, befinden wir uns in einem Land, dem man genau ansieht, was tektonische Verschiebungen, Eiszeitgletscher und Vulkane in den letzten Jahrmillionen mit ihm angestellt haben. Hier stehen wir also, schauen auf Ebenen hinaus, in Täler hinein oder von Bergen hinunter, wir schauen und schauen und schauen und wissen auf einmal ganz genau, dass wir unsere Reise genauso verbringen möchten – mit diesen Panoramen und dieser allgegenwärtigen Stille, die nur vom aufheulenden Wind oder dem Zetern einer Möwe unterbrochen wird. Oder von einem leisen Grummeln in der Ferne.

Diese Insel ist wohltuend leer

Gegrummel hört man auf Island immer wieder. Es  stammt von den vielen Wasserfällen. In diesem Fall ist es der Gullfoss, eine zweiteilige Kaskade, die alles, was etwa in den Alpen als tolle Sehenswürdigkeit ausgeschildert wird, zum kümmerlichen Rinnsal degradiert. Dass der Gullfoss uns den Atem verschlägt, hat allerdings auch mit den Böen zu tun, mit deren Hilfe uns der Wasserfall noch in hundert Metern Entfernung mit feinen, eiskalten Wassertröpfchenschwaden überzieht. Plötzlich wird klar, warum auf dieser Insel jeder Souvenirladen und jede Tankstelle Regenjacken verkauft. Noch beliebter als die Jacken sind übrigens die T-Shirts, die es ebenfalls überall gibt. Auf denen stehen Sprüche wie „ég tala ekki islensku“, was so viel heißt wie: „Ich spreche kein Isländisch.“ Zumindest vermuten wir das. Wir sprechen ja kein Isländisch.

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Wasserkraft: Der Strokkur-Geysir im Tal Haukadalur

In der weite der isländischen Landschaften kommt uns das Zeitgefühl allmählich abhanden. Und das fühlt sich richtig gut an

Müssen wir auch nicht: Meistens ist sowieso niemand da. Island ist meistens ein wohltuend leeres Land, oft sogar an Orten, die in jedem Reiseführer empfohlen werden. An einem frühen Morgen am Jökulsárlón zum Beispiel, Islands schönstem Gletschersee. Später am Tag werden hier Besucher aus den Rundreisebussen steigen. Doch jetzt ist es menschenleer und still. Still? Nicht wirklich. Nur oberflächlich. Nur in den ersten Minuten. Ein paar Hundert Meter am Ufer Richtung Gletscher, und Island lässt von sich hören. Die großen und kleinen Treibeisberge auf dem Wasser schaben und schurfen und schurren gegeneinander, um sie herum gluckst das Wasser. Dicke Möwen, die auf ihren Felsbrocken hocken und von Weitem aussehen wie Wegmarkierungen, verständigen sich mit schrillen Schreien. Und natürlich knirschen die eigenen Schritte auf dem Uferkies, krschscht, krschscht, ganz regelmäßig, manchmal kann Wandern wie Trance sein. Bis es drei Meter vom Ufer entfernt leise platscht. Und ein Seehund neugierig nachschaut, wer da am frühen Morgen des Weges kommt. 

Schall liebt ruhiges, stehendes Wasser, keine andere Oberfläche transportiert Geräusche besser und weiter. In Island gibt es solches Wasser überall: Vulkan- und Gletscherseen, Buchten, schmale Fjorde, an deren Ende sich kein Seegang mehr bemerkbar macht. Wenn wir an ihren Ufern stehen, sind wir Besucher in einem Konzertsaal der Natur. Wir können das schnelle Flügelschlagen einer auffliegenden Gänsefamilie hören. Das Springen der Lachse, deren Körper auf das Wasser klatschen. Das Poltern der Steine, die Schafshufe weit oben im Berg losgetreten haben. Das einsame Auto, das auf der anderen Fjordseite unterwegs ist: 58 Straßenkilometer entfernt, aber nur 600 Meter Luftlinie. Das Blubbern einer heißen Quelle ein paar Schritte hinter uns. 

Als reiste man durch eine Postkarte

Oft hat diese Insel etwas Unwirkliches. Etwas Magisches. Als wäre sie nicht von dieser Welt. Vor allem im Hochsommer, wenn es nicht dunkel wird. Da kommt uns in der Weite der isländischen Landschaften das Zeitgefühl abhanden, und wir könnten aus einer Urlaubswoche theoretisch zwei machen, wenn wir nicht doch immer mal wieder ein paar Stunden schlafen müssten, Mitternachtssonne hin oder her. Eine Reise über die Insel fühlt sich im Hochsommer an, als sei man in einer Postkarte unterwegs. Und wenn wir uns nicht immer wieder klar machen, dass die Schluchten und Ebenen und Gletscher, die rollenden Hügel, die allgegenwärtigen Pferde und die fauchenden Geysire alle echt sind – dann könnten wir fast glauben, in einem Fantasyspiel für die Playstation gelandet zu sein. Wo in den Felsen Elfen wohnen. Weshalb es eine ziemlich gute Idee war, dass die Straßenplaner den kleinen Schlenker eingebaut haben.

Stefan Nink

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