Frischekick mit Aussicht

Ihnen wird im Sommer schnell zu heiß? Dann ab zur Coolcation nach Norwegen, das mit seinen stillen Landschaften, tiefen Wassern und kühlen Atlantikbrisen erquickt wie eine Dusche nach der Sauna

Komm, setz dich kurz. Fünf Minuten nur, hier vorne, an die Klippe. Setz dich kurz und schau mit mir hinunter in den Fjord. Schau und atme und hör genau hin: Das ist Stille. Stille? Kann man Stille denn hören? Kann man. Vor allem jetzt, spät an einem norwegischen Mittsommerabend, wenn das Licht des Nordens so seltsam beruhigend ist. Stille hört man, wenn man andere Geräusche hört, die sonst nicht da sind, das ist das Geheimnis. Wie weit draußen das Meer frisch und leise rauscht. Wie im Wald sich die Käuzchen aufplustern für die nächtliche Jagd. Wie die Bäume wachsen und die Fische im klaren Wasser schwimmen und die Wolken schweben. Wie vom Atlantik der Wind herangezogen kommt, in langen Schüben, die das Wasser kräuseln, die Haare verwuscheln und diese wunderbare gesunde, kühle Frische auf die Haut legen.

Felsvorsprung am Pulpit Rock über dem türkisfarbenen Lysefjord; steile Bergwände, Person steht am Rand des Plateaus.©Per Eide – VisitNorway.com
Und vor mir nichts als Weite: Der Blick vom Preikestolen über Norwegen in Reinform – mit Fjord, Bergen, viel Wasser und viel Grün

Wasserfälle, Moore und Weite 

So wie der Nærøyfjord klingt das ganze Land: wie verzaubert. Als ob Norwegen ein Märchenreich am Ende der Scheibe wäre, entrückt, verwunschen, nicht von dieser Welt. Norwegen hat Stadt- und Ortsnamen wie in einem skandinavischen „Herr der Ringe“, und weil auch die Landschaften um diese Orte herum meist ein bisschen magisch aussehen, kommt man sich schon ein wenig außerweltlich vor in Grindaheim oder Rosendal oder Kyrksæterøra. Meistens aber ist da draußen nichts und niemand. Norwegen hat Wasserfälle und Berghänge in mindestens 47 Grünschattierungen, es hat weißschäumende Gebirgsflüsse und Moore und natürlich Elche. Vor allem aber hat es Weite und Leere und genau den richtigen Grad an Erfrischung, nach dem wir uns in heißen Sommern sehnen. Anders gesagt: Norwegen ist so ziemlich das Beste, was man als Land werden kann.

Sonnenuntergang am Nordkap; Menschen in Silhouetten am Strand, linke Globus-Skulptur, dramatischer Wolkenhimmel.©Alexander Benjaminsen – VisitNorway.com
Ob sie doch noch untergeht? Nordkap-Besucher vor der Mitternachtssonne

NATÜRLICH SIND DIE Touristen  wie verzaubert. ABER Auch die Norweger selbst lassen sich von der Schönheit ihres LANDES INSPIRIEREN

Mann in Schürze und Sonnenbrille hält Styroporbox mit Fischen auf einem Boot am Meer.©Ida Skeie – VisitNorway.com
Frischesten Fisch gibt es im Restaurant Cornelius in Bergen

Hier kann der Mensch noch werden

Die Norweger lassen sich von diesem Zauber inspirieren. Sie komponieren supercoolen Jazz wie der Trompeter Nils Petter Molvær.  Sie  entwerfen Möbel, ganz schlicht, ganz sparsam, als ob Zen eine norwegische Philosophierichtung wäre. Auch Norwegens Architekten sind so gepolt und bauen Straßen und Museen und Restaurants wie nicht von dieser Welt, die Atlantic Road bei Kristiansund, das Munch-Museum in Oslo (und die Oper!),  das Unterwasserrestaurant „Under“ in Lindesnes. Und Modedesigner schütteln Kollektionen in Naturtönen aus dem Ärmel, die zu schweben scheinen. Irgendetwas muss an Norwegen sein, dass die Menschen so ein Faible für das Schlichte, Gerade, Schöne haben. Vielleicht liegt es daran, dass dieses Land still ist. Und melancholisch. Und eine Einsamkeit ausstrahlt, in der der Mensch noch werden und wachsen kann. 

Langgestreckte gebogene Betonstruktur ragt ins Wasser; Uferfelsen, Bäume, blauer Himmel, beleuchtete Tür am Rand.©Mike Kelley
Zum Dinner mal eben abtauchen – das Under ist ein Michelin-besterntes Unterwasserrestaurant in Südnorwegen

Was muss man gesehen haben? Oslo natürlich, die Hauptstadt, mit ihrem Mix aus Tradition und Avantgarde. Die Südküste mit ihren Postkarten-Orten, den weiten, weißen Stränden und den kleinen Yachthäfen. Und den Norden, den auch. Ist man erst über Stavanger hinaus (und Richtung Nordkap unterwegs), verändert sich Norwegen. Dann lässt es den Wind die Hochebenen zausen, mauert Steilwände, lässt Wasserfälle in die Tiefe donnern und türmt Berge in die Höhe. Von jetzt an ist Norwegen anders, ist wild und ungestüm, ist ein Land der Extreme, ist das Land der Fjorde. Von denen gibt es über tausend. Sehr viele hat man für sich allein. 

Fahrradfahrerin mit Helm auf der Osloer Hafenpromenade, Korbblumen am Lenker, moderne Wolkenkratzer im Hintergrund, blauer Himmel©Fredrik Ahlsen-Visit Norway
Coole Kulisse für eine Radtour: Das Munch-Museum in Oslo

Die meisten Norwegenreisen enden in Oslo: mit Seafood-Lunch, Galerie-Besuchen und einem Latte im historischen Grand Café. Später blickt man vom Holmenkollen hoch über der Stadt noch einmal zurück ins Land. Norwegen liegt im Dunst, als sei es eigentlich überhaupt nicht da, und es ist etwas wie Unendlichkeit darin. Man kann sie nicht sehen. Aber wenn man ganz ruhig ist, kann man sie hören. 

Stefan Nink